Der typische Gin Trinker

Ist der typische Gin Trinker ein Raubein wie Kapitän Charlie Allnutt alias Humphrey Bogart im Film „African Queen“?

Der etwas ungeschliffene Herzensbrecher konsumiert in dem Streifen aus den 1950er Jahren Unmengen Wacholderschnaps – und zwar so exzessiv, dass Katherine Hepburn den Brand irgendwann über Bord kippt… Lernen wir daraus, dass Gin und Frauen zusammen nicht geht? Nein, denn auch Frauen schätzen Gin, vor allem als Cocktail. Keine Frage. Kapitän Allnutt war einfach ein Trinker und nahm an Alkohol, was er kriegen konnte.

Gordon’s stellte für die Dreharbeiten so viele Flaschen wie es ein effektives Product-Placement nötig machte. Das hatte mit Genuss wenig zu tun. Weit mehr Stil zeigte Bogart im Film „Casablanca“, als er in der Rolle des Rick äußerte: „Of all the Gin joints, in all the towns, in all the world, she walks into mine…“ und er hatte dabei Ilsa im Blick, gespielt von Ingrid Bergmann. Mit seinem Trenchcoat und dem weichen Filzhut kam er ungemein cool rüber – sein Image als Schauspieler lebt bis zum heutigen Tag von dieser Kult-Rolle. Und vielleicht auch das Image des typischen Gin-Trinkers… Denn so stellt man ihn sich an den Bars dieser Welt in New York, Rio und Tokio vor: Ein lässig-elegant gekleideter Mann, mit einem sanften Lächeln auf den Lippen. Klar, der Trenchcoat wird heute ersetzt durch einen über den Schultern liegender Sweater, der Nacken ist vielleicht tätowiert, doch der Gesichtsausdruck ist derselbe: Hinter seinem leicht ironischen Lächeln verbirgt der Gin-Kenner seinen romantischen Charakter. Denn auch, wenn er einsam am Tresen lehnt nachts um elf – er träumt eigentlich von lauen Sommerabenden an der Seite seiner Liebsten.
Ok, Schnitt, das war jetzt filmreif…

Im Ernst: Das Wort typisch greift bei diesem Brand womöglich nicht. Der Gin Trinker ist so vielfältig wie die Spirituose selber. Er ist ein Hedonist, ein Dandy, ein Künstler, ein Architekt, ein blasierter Connaisseur oder ganz simpel: Ein Normalo. Als solcher hat er den Gin zu Hause vorrätig, wenn seine Freunde bei ihm vorbei schauen. Von London Gin, Dry Gin, Old Tom Gin, über Sloe Gin bis zum R[h]eingin. Der Kenner spricht über den Mix, den er bereitet, während seine Freunde auf dem Sofa ihre Smartphones bearbeiten und kaum zuhören. Er redet von ihm nicht mehr als Gin Tonic, sondern von Gin and Tonic. Oder kurz GnT. Und mit diesem experimentiert der Gin Trinker gerne: er bereitet ihn mit Zitrone oder Rosmarinzweigen zu, mit Gurke, Orangenschalen oder Pfefferkörnern. Er kennt die neuesten Varianten und er fachsimpelt über sie. Gin zu trinken ist zu einer Art Wissenschaft geworden. Das Hauptfach heißt „Barologie“ – hier können die akademischen Kenntnisse über die Bars dieser Welt erweitert werden. Beispielsweise, welcher Club die meisten Gin-Sorten in Hamburg führt. Oder: Welcher Gin zur Zeit am angesagtesten ist. Als handele es sich um einen Hit auf den iPhone-Charts. Und für die Eitlen unter uns: Passt die Farbe des Cocktails eigentlich zu meinem Outfit? Aber solch eine Fragestellung ist vielleicht eher was für Supermodels. Aber auch die dürfen nicht fehlen für das coole Gin-Lebensgefühl. Film ab!

2017-10-13T12:03:16+02:00